10.12.2009

Mit nassen Nikolausstiefeln nach Xichang

3. bis 6. Dezember

Die letzten Tage zusammengefasst: Hardcore!

Durch Miesepeterwetter (trüb, nasskalt) geht es einmal über die ersten
Vorläufer der Tibetischen Hochebene
(http://de.wikipedia.org/wiki/Hochland_von_Tibet).

Dabei fängt es (wie so oft) entspannt und harmlos an: Ebian - die Stadt
mit dem fehlenden D - erreiche ich frisch und fröhlich. Trotz langer
Radpause läuft es gut. Ein Hotel ist schnell gefunden.

Das Verkehrschaos vor dem Hotel ist keine spontane Verstopfung - wie ich
zuerst angenommen habe - sondern
chronisch. Durch diese Gasse drückt sich offenbar der gesamte Verker der
Stadt. Die Straße ist hoffnungslos verstopft und es wird gehupt wie
verrückt.

Ich habe lange gesucht und es endlich gefunden: Hier, genau hier vor dem
Hotel, liegt Chinas
Epizentrum des Hup-Wahnsinns. Schlimmer geht es nicht mehr! Durch die enge
Häusergasse wird der Schall noch mehr gebündelt und NOCH schmerzhafter. Mir
ist es unbegreiflich, wie man hier länger als eine Minute auf der Straße
stehen kann.

Besonders praktisch: das Zimmer liegt genau zur Straße und das Fenster
bleibt immer einen Spalt offen - offenbar hat sich hier der Installateur
verrechnet. Komplett geschlossen bekomme ich es jedenfalls nicht. Die
Nacht
ist daher laut, auspuflastig und kalt.

Dennoch verläuft der erste Radeltag entspannt und gut. Straße und
Landschaft sind OK. Das diesige Wetter versaut leider viele schöne
Ausblicke ins Tal.

Am nächsten Morgen steigen wir nach kurzem Frühstück von 700 Metern üNN
auf 3000. Es geht immer
wieder am Fluss runter auf unter 1000 und dann wieder rauf, meist am Ende
kleiner Dörfer, wo sich dann problemlos kleine Kinder oder
Matcho-Mofafahrer an unser Hinterrad klemmen können.

Wenn ich eins auf meiner Reise gelernt habe, so ist es "ignorieren" bzw.
"Tunnelblick optimieren". Es ist noch nicht perfekt, aber oft ausreichend.

Der Freitag, der so harmlos und entspannt angefangen hat, entpuppt sich
als echte harte Nuss - Kategorie "eine der härtesten Etappen".

Das Tagesziel "Hongxi" mag und mag einfach nicht näher kommen. Immer noch
eine Kurve, darauf noch eine Steigung - alles in stockdunkler Nacht.

Die kleinen Häusersiedlungen am Wegesrand sind gespenstig ruhig und
dunkel.
Und plötzlich wie aus dem Nichts: Schlammpiste. Der Asphalt verschwindet
und große, glitschige Steine machen das Vorankommen zur Qual. Ab hier ist
Absteigen angesagt.

Nach über einer Stunde schieben schmerzen meine Handgelenke. Der Schlamm
an den Reifen wird immer zäher.
Das Thermometer zeigt Minusgrade - er gefriert!

Gepaart mit Eisregen und tiefen Pfützen wird das mit jedem Meter eine
größere Herausforderung. Die Schuhe sind nass, aber zum Glück bleiben
meine Füße trocken.

Links die senkrechte Bergwand, rechts nach zwei, drei Metern steiler
Abgrund - so jedenfalls meine Vermutung, denn die Sicht ist unter 10
Metern.

Nach zwei Stunden erschweren leichte optische Täuschungen die
Orientierung. Plötzlich ist links wieder freie Sicht, so scheint es. Bei
genauerem Hinsehen entpuppt sich das aber als Schnee, der im fahlen Licht
sehr anders aussieht.


Trotz der widrigen Verhältnisse bin ich relativ ruhig und zuversichtlich,
dass der Tag gut ausgehen wird. Schließlich finden wir in einer kleinen
Parkbucht Platz für unser Zelt und fallen um kurz vor zwei Uhr in tiefen
Schlaf.

Um vier Uhr zieht ein heftiger Sturm übers Zelt hinweg. Bange Minuten.
Haben wir die Heringe fest genug eingedrückt? Ja, es bleibt sicher stehen.

Am nächsten Morgen sehen wir zum ersten Mal unsere Umgebung richtig. Die
Nähe zum Abgrund wird im schwachen Sonnenlicht doch um einiges deutlicher.

Der Wind hat den Nebel weitestgehend vertrieben und als kleine
Entschädigung bietet sich
ein schöner Blick ins Tal. Auch der Gipfel ist sichtbar!

Den letzten Kilometer geht es im Schatten des Berges nur in Minischritten
voran. Die Straße ist spiegelglatt und nochmal extra-steil.

Als sich die Straße ebnet, entspannt sich auch Geist und Körper - das wäre
geschafft!

Am Seitenrand tucker ich langsam den Berg hinunter. Immer wieder muss ich
anhalten, denn die neue, eingefrorene Landschaft mit dem gespenstigem
Hochnebel ist herrlich bizarr.

Irgendwann kommt dann die Sonne raus und zeigt dem Trübsal, was eine Harke
ist. Im Nu ändert sich das Wetter, die Straße und das Gemüt.

Rad und Straße sind nach wenigen Metern trocken, die letzten Eisklumpen
verdampfen regelrecht oder fallen angewidert vom Rad. Endlich kann ich
nach
kirgisischer Manier den Berg runter "brettern".

Tatsächlich erinnert mich das ganze Szenario sehr an die kirgisischen
Etappen (auch der "Nervfaktor" der Menschen ist annähernd gleich).

Im Tal wird der Belag wieder asphaltiert und laaangweiliger, dafür aber
schneller, und eine gute halbe Stunde später erreiche ich das nächste
Dorf.

Gegen 16 Uhr erreichen wir Hongxi und entschließen, im hiesigen "Hotel"
ein
Zimmer zu nehmen. Die warme Dusche ist kalt und auf dem Gang feiern die
Chinesen ihr Wochenende. Es ist durchgehend laut und ungemütlich.

Morgens um 6 Uhr rotzt ein Gast dermaßen laut auf den Gang, dass ich
denke, er kotzt gleich gegen meine Tür. Unangenehm. Unnötig.

Dabei haben wir uns für den morgigen Sonntag ein besonderes Schmankerl
ausgesucht: Wir wollen den Weg bis nach Xichang in einem Rutsch
durchziehen. Gut 150 Kilometer - eine große Etappe mit anspruchsvollem
Profil.

Um 8 Uhr sitzen wir im Sattel und treten in die Pedalen.

Der Weg schlängelt sich meist hübsch bergab flussabwärts Richtung Meigu.
(Wichtig: "flussabwärts" ist nicht gleich "nur bergab"! Es kann durchaus
der ein oder andere knackige Anstieg drin sein).

Die ersten vierzig Kilometer sind sehr schnell und leicht. Leider
versteckt sich die Sonne hinter dichten Wolken. Ab Meigu ist es dann genau
umgekehrt: ab jetzt geht es mal hoch, mal tief flussaufwärts Richtung
Zhaojue. Die Straße wird eng und schlechter. Dafür knallt die Sonne. Ein
fairer Tausch.

Besonders nervig ist aber wieder das ständige Gehupe.

Kleine und große Busse, 4-Radantrieb-Kollosse, Kleinwagen, Mofas und
Dreirädern - alle hupen. Vor jeder Kurve, nach jeder Kurve, vor jedem
Hügel, nach jedem Hügel, vor jedem Überholmanöver, bei jedem Überholmanöver
und auch gerne einfach mal so, um mitzuteilen, das man
"da ist". Man weiß ja nie, was passieren kann.

Besonders erwähnenswert sind die grün-weißen Kleinbusse (Dorf-Taxi).
Ständig
überholt mich eines dieser Dinger und zu 80 Prozent hängt mindestens ein
Kopf aus dem Fenster und kübelt, hat gekübelt oder bereitet sich auf den
nächsten Schub vor.

Die meisten Busse haben auf jeder Seite unter den Fenstern hellbraune
Kotzflecken, . Auf der Straße
liegen öfter kleine Häufchen und Spritzer. Unachtsamkeit wird bestraft:
einmal länger ins Tal geschaut und schon hört man unterm Reifen "schwiff
schwiff schwiff". Volltreffer!

Das ist NICHT lustig, denn bei den vielen Kurven und dem sehr aggressiven
Fahrstil der Busfahrer es kann jeden treffen! Vor allem wenn man schön
langsam rechts am Straßenrand fährt.

Sonst ist die Strecke langweilig. Die Dörfer unsympathisch und laut. Nur
einmal machen wir Halt und frühstücken eine Nudelsuppe. Sonst ist
Flüssignahrung das Mittel der Wahl.

Am Ende des Tages stehe ich irgendwie auf einem 3300 Pass und genieße die
Abendsonne, wie sie hinterm Himalaya untergeht. Wahnsinn!

Bis nach Xichang sind es noch 40 bis 50 Kilometer, diesmal jedoch schööön
bergab, so die logische Schlussfolgerung . Denn Xichang liegt an einem
Fluss, also tiefer.

Wir entscheiden uns, diesmal auf Campen zu verzichten und das Vorhaben
durchzuziehen. In der Stadt gibt es sicher ein Hotel und wenn alles gut
läuft sind wir gegen 21 Uhr dort.

Wir rollen also berab und nach wenigen hundert Metern ein Schreck: es geht
wieder stramm bergauf. Oh weh!

War das doch nicht das Ende der Fahnenstange? Doch! Das war die letzte
Steigung. Ab jetzt geht es nur noch bergab. Und wie.

Mit allen Lichtern und Reflektoren ausgestattet brettern wir die Straße
runter. Die Abfahrt dauert Stunden und geht mächtig auf die Konzentration.
Trotz guter Lichtmaschine hat man trotzdem immer nur einen kleinen
Ausschnitt geradeaus. Die Stirnlampe reicht kaum aus, um die Kurve
ordentlich auszuleuchten.

Dazu ist die Straße in schlechtem Zustand und öfter müssen wir
Steinen und Schlaglöchern ausweichen. Zum Glück ist die Straße kaum
befahren, doch die wenigen Gegenlichter genügen, um jedesmal kurz zu
"erblinden" und in die Bremsen zu gehen.

Sonst ist es stockdunkel. Wirklich kein Licht außer unseren. Der
Sternenhimmel dadurch beeindruckend! Die Milchstraße zum greifen nah. Trotz
leichtem Zeitdruck machen wir zweimal Halt und genießen die Ruhe und
Dunkelheit. Schwer zu begreifen. Trotz oder gerade wegen der harten Arbeit
wunderschön.

Um kurz vor 22 Uhr beziehen wir in Xichang unser warmes Hotelzimmer. Die
Dusche ist super, nebenan gibt es ein Restaurant und Einkaufsmöglichkeiten.

Wir klären noch an der Rezeption, wie wir am besten zum Bahnhof kommen,
dann schlafen wir ein.

Am Morgen fahren wir zum Bahnhof, ich besorge zwei Tickets für den
nächsten Zug und wir geben unsere Räder sowie das schwere Gepäck ab. Läuft
alles wie am Schnürchen. Nur mit nötigstem Gepäck fahren wir dann zurück in
die Stadt und schauen uns um.

Die Stadt ist unspektakulär, so dass wir die Zeit dort ohne schlechtes
Gewissen mit Frühstück und diversen Mittagessen verbringen. Um kurz nach 20
Uhr steigen wir in den Zug, beziehen unser Hardsleeper-Appartement (2x3er
Hochbetten) und schlafen dort recht bald ein.

1 Kommentar:

  1. oh, WOW!!! auch wenn du geschrieben hast, NICHT lustig - ich musste trotzdem sehr lachen! aber auch gut zu hören, dass du überhaupt noch lebst und nicht in diesen abgrund gerutscht bist... da darf man gar nicht dran denken. :/ (weißt du noch, wie du dich immer über klöner rücksichtslosigkeiten aufgeregt hast? inzwischen würdest du dich hier wahrscheinlich kaputtlachen...)

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