Schnell finde ich aus Michalovce heraus und befinde mich bald auf einer richtig schönen Schotterpiste.
Plötzlich verliert sich der Weg im satten Grün der Wiesen eines Naturschutzgebietes. Um mich herum kein einziger "richtiger" Weg. Nur die etwas helleren Grasnarben lassen den Weg erkennen.
Die folgenden zwei Stunden gibt es weder Weg, noch Auto oder sonst irgendeine Menschenseele. Ich bin alleine in der Natur. Um mich herum viel Grün, einige kleine Seen und ansonsten Ruhe.
Unzählige Schmetterlinge, Störche, schneeweiße Reiher (majestätisch!) und viele andere - mir unbekannte - Vögel leisten mir Gesellschaft. Von den üblichen Plagegeistern keine Spur. Dazu scheint die Sonne am eisblauen Himmel. Der Feldweg lässt sich gut fahren. Es ist herrlich! Pures Radlerglück.
Dann sehe ich am Horizont die Stadt und die Straße, die mich dann laut Karte endgültig zur Grenze bringt. Nur noch eine Brücke ist zu meistern, bevor wieder befestigter Weg beginnt.
Hinter dieser Brücke hat sich eine etwas größere Pfütze gebildet. Um gut durchzukommen, nehme ich daher etwas mehr Anlauf und Padauz!
Mit einem lauten Schlag bleibe ich mitten im fast knietiefen Morrast stecken. Der Schlamm war an der Oberfläche leicht angetrocknet und sah fest aus. Und ich bin im wahrsten Sinne auf diese Täuschung reingefallen.
Nun habe ich meine liebe Not Rondolf zu stabilisieren, geschweigedenn ihn aus dem Schlammassel rauszuheben. Seitlich finde ich keinen Halt und mache daher einen Hechtsprung (!) über den Lenker. Dann stelle ich mich breitbeinig vors Rad und ziehe - in bester Rudermanier - Stück für Stück erst den Vorderreifen, dann den Hinterbau wieder raus.
Die Taschen stecken tief im Schlamm, die Pedalen verkeilen sich unter der Oberfläche an den Steinen. Die plötzliche Anstrengung zerreist das so fein gesponnene Tuch der vorherigen Naturidylle brutal und es ist überhaupt nicht lustig.
Der Schlamm stinkt bestialisch. Die Fliegen sind plötzlich wieder da und laben sich an Rondolf und mir. Als ich Minuten später wieder auf festem Grund stehe, wird das gesamte Ausmaß richtig deutlich: wir sehen beide aus wie Sau!
Sowas habe ich noch nie erlebt und bin etwas entsetzt: hoffentlich komme ich so über die Grenze!
Mit etwas Gras versuche ich vergebens, den gröbsten Dreck zu entfernen. Durch die Hitze verklumpt der Schlamm schnell. Überall knirscht es. Der aufgeweichte Asphalt führt dazu, dass der Schlamm noch fester am Reifen klebt und gar nicht von alleine abfallen kann. Ich fahre eine zeitlang praktisch ohne griffiges Reifenprofil, was mir am nächsten Schlammloch fast einen heftigen Sturz einbringt.
Auf den letzten Metern kommt wieder alles zusammen: der Weg mutiert schlagartig von einer Landstraße zu einem Feldweg, ich habe die Orientierung verloren und fühle mich so dreckig, dass ich mich sogar etwas schäme, wenn ich mir vorstelle, so vor den Grenzbeamten zu treten.
Dort, wo auf der Karte ein Grenzübergang sein sollte verläuft sich der der Weg im Nirgendwo. Verwirrt schaue ich immer wieder auf die Karte. Der Grenzübergang müsste genau hier sein...
Da ich ihn auch nach fünf Minuten nicht finde, beschließe ich, etwas nördlich den Weg zum "Großen Grenzübergang" für die Schnellstraße zu nehmen.
Dort angekommen sagt mir die junge slowakische Grenzbeamting, dass hier nur motorisierte Fahrzeuge passieren dürfen. Ich aber habe ein Fahrrad. Das geht nicht! Die Frage nach einer Ausnahme spare ich mir und frage lieber nach dem nächsten Grenzübergang für Radler.
Mit bangen Blick schaue ich ihrem Finger nach, wie er immer weiter nördlich wandert und letzlich ganz unten auf meiner Landkarte anhält. Der Grenzübergang liegt rechts vom etwa 80 Kilometer entfernten Velke Kapusany. Punkt. Aus. Ende. Und sie verschwindet wieder in ihrem vollverspiegelten Häuschen.
Leicht angesäuert stelle ich die Route für die Weiterfahrt zusammen, da kommt auch schon ein Ukrainer und erklärt sich bereit, mich für 5 EUR (!!) über die Grenze zu bringen. Macht er öfter. Dauert nur 20 Minuten.
Nach kurzem Überlegen lehne ich ab. Sein Auto sieht völlig ungeeignet aus. Und als sein Kumpel dazukommt fahre ich den beiden einfach mit einem "Niet spassibo" (Nein danke) davon.
Wichtig: Wie ich später am Grenzübergang erfahre, kommt man als Mitfahrer automatisch auch für die zu verzollenden Waren auf. Auch wenn sich im Auto Dinge befinden, die man keinesfalls einführen darf gilt "Mitgegangen, mitgefangen!". Eine große Warntafel vor der grünen Grenze weißt ausdrücklich darauf hin, solche Dienste immer abzulehnen.
Ich hatte davon auch schon gelesen und war wie gesagt eh schon dabei mich auf den Rückweg zu machen. Das Wetter ist auch einfach zu fantastisch, um auf die wenigen Meter Umweg zu verzichten ;)
Dennoch ist der Weg zum Zielort heftig, da die Sonne brennt und mein Wasservorrat schwindet. Leer wie ein Schwarzes Loch spule ich die Kilometer stoisch runter. In Velke Kapusany finde ich schnell eine Unterkunft und kann Kraft für morgen tanken.
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