Frisch und munter wache ich auf und fahre nach kurzem Frühstück weiter zur Grenze. Ich bin immer noch total gespannt, wie sich Ukraine in Echt anfühlt.
Zum Abschied gibt es im letzten Ort vor der Grenze noch eine Wuffi-Attacke (2er-Team, kein Zaun), die ich durch Absteigen und Übergröße zeigen gut in den Griff bekomme.
Dann geht es auch schon über die Grenze. Bei strahlendem Himmel fülle ich den Registrierunggschein für UA aus, verneine die Frage, ob ich Medikamente mitführe und wünsche einen Guten Tag - schon bin ich drin.
Gleich darauf machen sich Zweifel breit, ob sich die Vorfreude "gelohnt" hat, denn die Stimmung auf der anderen Seite ist seltsam: überall schrecklich viele Angebote, Rabatte und Sonderpreise. Lautstark mit entsprechender Plastikmusik untermalt. Man kann sich sogar "Die bettelnde Großmutter" als Porzelanfigur für den Garten kaufen.
Die Augen der Verkäufer und Passanten kleben an meinen Packtaschen. Ich lege einen Gang zu und sprinte davon auf neuen Wegen. "Was macht der denn hier?!", steht ihnen direkt ins Gesicht geschrieben. Und genau das frage ich mich ziemlich bald auch.
Die Straßen werden wieder deutlich schlechter, die Umgebungslautstärke nimmt ab, der Verkehr wird ruppiger (die wenigen Autos, die mir begegnen, schneiden mich so - grundlos - scharf, dass mir Angst und Bange wird). Nette Begrüßung.
Auch habe ich das Gefühl, vollständig in eine andere Welt einzutauchen. Die Luft schmeckt anders. Der Hals wird enger. Ein schwer zu beschreibendes Gefühl.
Einen Kilometer weiter kommt das erste größere Hindernis: eine riesige Rinderherde schleicht mitten auf der Landstraße. Auch das Hupen und Heulen der Autos mag den Vorgang nicht so recht beschleunigen.
Ich halte auf die Herde zu und langsam tut sich vor mir ein kleiner Korridor auf. Die Autofahrer hinter mir bekommen davon Wind und nötigen dann mich auch gleich weiter mit nervigen Hupen zum schneller fahren.
Gern gehört ist hierbei auch der Hup-Zusatz Variante "Feuerwehr-Polizeiauto-Immitat", die mir schon in Polen gehörig auf den Zeiger ging.
Danach ist wieder für lange Zeit Ruhe. Die wenigen Menschen, denen ich begegne, schauen mich finster an. Oder nur interessiert? Ich weiß es nicht.
In einen Ort mache ich Halt in einem Bus-Unterstand. Ich musste gestern schon ein gutes Stück Extra-Weg fahren und bin nun weit von Uzhorod weg. Am liebsten würde ich zur nächsten Stadt nördlich fahren, und von dort aus mit dem Zug weiter Richtung Odessa, aber dorthin geht es nur über eine stark befahrene Straße weiter.
Ein Schauer durchfährt mich und ich realisiere mit einem Mal schmerzhaft, dass ich jetzt ganz schön weit weg und auf mich allein gestellt bin.
Ich bin wieder in einer Zwickmühle: Einerseits würde ich sehr gerne Uzhorod sehen, unter anderem deshalb, weil Diana mir so viel davon vorgeschwärmt hat. :) Leider zeigt die Karte von dort aus keine Zugverbindung Richtung Odessa. Andererseits hab ich Hummeln im Hintern, weil ich recht bald in Odessa sein und zur Krim übersetzen möchte.
Ich lasse die Münze entscheiden und fahre erleichtert weiter nach Uzhorod.
Dort angekommen kämpfe ich mich durchs Verkehrsgewühle bis in die Innenstadt, trinke ein kühles Pivo in einem netten Cafe auf dem Hügel und wage danach das Abenteuer "Zugticket" am Hauptbahnhof.
Dort angekommen, stehe ich erstmal wie der Ochs vorm Berg vor den Hallen. Wo ist die "Kassa"? Es ist nur eine Bank ausgeschildert... Ich frage mich durch und erfahre, dass Bank und Bahnhofsschalter in einem Gebäude sind.
Nach einer halben Stunde hat sich die Schlange vor mir gelichtet und ich bin dran. Vorher sehe ich auf der Abfahrtstafel einen Zug um 18 Uhr Richtung Odessa. Jetzt ist es kurz vor 17 Uhr. Es könnte also klappen!
Auf Russisch erfrage ich den Preis für die Fahrkarte nach Odessa und erhalte einen Schwall Wörter als Antwort. Erschüttert muss ich feststellen, dass die Dame am Schalter Ausländern offenbar betont unfreundlich gestimmt ist. Sie lehnt sich zurück und verkündet stolz, dass sie nur ukrainisch spricht - und damit auch kein Englisch versteht.
In solchen Situationen helfen keine Marker im Sprachfüher, keine vorgefertigten Sätze. Der ganze Raum verdichtet sich, alle schauen auf mich und ich merke, dass ich rot werde. Ja, auch Fluchtgedanken sind spürbar.
Dennoch bleibe ich stehen und versuche ich es mit der einfachen Wiederholungstaktik: "Was kostet die Karte nach Odessa mit Fahrrad?!" auf russisch.
Eine Frau und ein Mann in der Schlange greifen mir unter die Arme. Kurz darauf erfahre ich den Preis: umgerechnet 67 EUR, was mir hoch, aber angesichts der Umstände vertretbar erscheint.
Ich bezahle, danke allen Beteiligten und begebe mich erleichtert auf den Bahnsteig, um die Sachen für den Transport vorzubereiten. Ein älterer Mann erklärt mir auf Deutsch den Weg dorthin. Alles in allem läuft die Verladung diesmal viel entspannter ab!
Der Zug steht schon bereit und ich frage die Zugbegleiterin, wo denn der Gepäck-Wagen sei. "Einen Gepäckwagen gibt es hier nicht" höre ich aus ihrer Antwort. Für mich deutsche Extrawurst müsse sie für das Fahrrad erstmal Platz finden - gegen Extra-Geld versteht sich.
Mit meinen Erklärungsversuchen, dass ich doch schon beim Schalter den Radzuschlag bezahlt habe, stoße ich auf taube Ohren. Ich bin mir sicher: Auch wenn ich besser Russisch oder Ukrainisch gekonnt hätte, da wäre nichts zu machen.
Wenn mir eine Eigenart bis jetzt besonders auffällt, ist es die, aus kleinen Sachen große zu machen und dabei möglichst gehetzt und beschäftigt zu tun, damit das Trinkgeld auch möglichst groß ausfallen kann.
Und so bleibt mir und wohlwissendem Schmunzeln, diese ukrainische Art zu bestaunen - wie ich später erfahre, die richtige Methode. Zudem erfahre ich, wie man sich dafür etwas schützen kann.
Da ich schon reisefertig bin, bezahle ich leise zähneknirschend nochmal 10 EUR, schließe Rondolf sicher ab und setze mich total nassgeschwitzt in das Schlafabteil.
Der gebuchte Zug ist ein Nachtzug. Ich fahre für ukrainische Verhältnisse erste Klasse und werde mir das Abteil "nur" mit noch einer Person teilen. Alle anderen Wagen beherberen vier oder gar keine Schlafliegen. Von daher habe ich es gut getroffen.
Kurze Zeit später erscheint Juri, für diese Nacht mein Zimmerngenosse. Er ist Seemann und spricht englisch. Wir sprechen lange über die Gepflogenheiten im Lande und betrachten die schöne Landschaft. Nebenbei lerne ich ein paar neue russische Wörter.
Am nächsten Tag kommen wir pünktlich um kurz vor 14 Uhr in Odessa an. Nach dem herzlichen Abschied geht jeder von uns wieder seiner Wege.
Es war eine schöne, spannende aber auch entspannende Fahrt, für die ich sehr dankbar bin. Die vorherigen Anstrengungen waren bereits beim ersten Schluck Pivo längst vergessen.
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