Ich verlasse endgültig die ruhige, weite Landschaft Qinghais und
stoße in strammer Talfahrt in die Provinzhauptstadt vor - die erste
größere Stadt seit Wolgograd!
Dabei wurde es gerade richtig schön: Ab Delingha kommt wieder Leben in
den Radleralltag. Die staubgraue Sandlandschaft verschwindet. Es wird
wesentlich grüner und lebhafter um mich herum. Pferde, Schaafe und
Yaks säumen das Blickfeld. Eine echte Wohltat nach den langen, leeren
Kilometern in der Wüste.
Dennoch hat die Ödnis Spuren hinterlassen. Nach Wulan empfängt mich
der Mann mit dem Hammer: Ich bin völlig kraftlos, demotiviert, leer.
Die Beine wollen nicht mehr treten und im Kopf sammeln sich die
wildesten Ideen und Argumente, weshalb ich hier und jetzt sofort vom
Rad steigen darf. Es muss doch einen Weg geben, wie ich irgendwie
anders nach Xining komme - ohne mich durch den scharfen Wind Meter für
Meter durchs Tal zu quälen.
Grausame Stunden vergehen bis zur Rast in einem kleinen Städtchen nahe
des Kohlebergwerks. Der warme Tee in der zügigen Stube lässt kurz die
eisigen Temperaturen vergessen. Dann geht es weiter bergan Richtung
Tianjun.
Auf halbem Weg läd eine budhistische Gebetsstätte zur erneuten Rast
ein. Die Extra-Portion Räucherstäbchen und die güldenen Statuen in
der Felsgrotte setzen neue Kräfte frei und ich überrasche mich selbst
mit einem sagenhaften Antritt am Berg.
Wie verwandelt verputze ich den folgenden 3843 Meter hohen Pass, lasse
mich anschließend 30 Kilometer locker bis nach Tianjn ausrollen und
genieße dabei überglücklich den bombastischen Blick ins weite,
offene Tal.
Zahlreiche Yakherden grasen in der Abendsonne, vereiste Seen schimmern
und die schneebedeckten Berge säumen den Horizont. Gänsehaut -
diesmal nicht von den -1 Grad Celsius, sondern weil die Strapazen
diesmal "belohnt" werden. Das erste Mal seit hunderten von Kilometern.
Den inneren Schweinehund lasse ich auf der anderen Seite des Berges
liegen, esse ordentlich mit einem chinesischem Lehrer zu Abend und
starte am nächsten Morgen ohne Schwierigkeiten gemütlich durch bis
nach Gangcha.
Die weite Aussicht auf den tiefblauen See, viele lächelnde Menschen am
Straßenrand und euphorisch jubelnde Motorradfahrer mit riesigen
Brillen, langen Kutten und blauen Sturmmasken mit großem Bommel on-top
machen das Radfahren zum Fest.
Den 3448 Meter hohen Hügel nach Gangcha spüre ich kaum. Dafür gibt
es danach fast 70 Kilometer zackige Abfahrt durch das tiefgrüne Tal
nach Huangyuan.
Die Ruckelpiste erfordert höchste Konzentration. Bodenwellen und
Spurillen zwingen den Blick auf die Fahrbahn. Dabei ist der Blick auf
die Berge oft so schön, dass ich anhalten möchte.
Doch seit Huangyuan nimmt der Verkehr drastisch zu. Es wird soviel
gehupt, dass mir fast die Sinne schwinden. Oft ist gar nicht mehr
auszumachen, woher das Hupen kommt. "Stur Spur halten" hat sich da
bisher sehr gut bewährt.
In Xining finde ich schnell ein gutes, günstiges YouthHostel - sogar
mit WIFI und kleiner Lounge! Endlich kann ich neue Musik (und Spiele)
auf meinen iPod laden! :)
Morgen ist Ruhetag = Wäsche waschen, Stadt angucken, Kräfte
sammeln. ... und meine Weiterfahrt planen. Ein leidiges Thema, das
ständig im Kopf rumwuselt.
Mit einem großen Glas Milch in der Hand sende ich ganz viele Grüße
gen Heimat!
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