http://de.wikipedia.org/wiki/Kaschgar
Der letzte Tag in Kirgistan beginnt mit reichlich Frühstück und Tee. Die
letzten SOM haben Noel und ich gestern in Essen und Bier investiert.
Es ist windstill. Der Fluß plätschert und die Sonne wärmt. Die Berge um
uns herum sind in rosa-rotes Licht getaucht. Es scheint, als ob uns
Kirgistan einen besonders angenehmen Abschied bereiten mag.
Etwas Sorge machen mir die "Öffnungszeiten" der Grenze. Durch die
Zeitverschiebung auf chinesischer Seite (Bejing-Time) ist kurz nach dem
Öffnen der Grenze auf kirgisischer Seite auf der chinesischen Seite
Mittagspause. Hoffentlich sind wir rechtzeitig dort.
Wir sind optimistisch und rollen anschließend mit Tempo 60 über den Hügel
zur Grenze. Unter den Augen dutzender LKW-Fahrer rollen wir gelassen aus
und passieren den 2., 3. und letzlich auch den 4. kirgisischer
Kontrollpunkt (den 1. Kontrollpunkt haben wir schon seit 20 Kilometern
hinter uns). Bei jedem Kontrollpunkt wird das selbe geprüft: Reisepass,
Ein- und Ausreise-Stempel, Visa. Durchschnittliche Aufenthaltsdauer pro
Kontrollpunkt: 20 Minuten inkl. Smalltalk mit Beamten.
Danach geht es einem kleinen, engen und staubigen Anstieg an einer
weiteren LKW-Schlange vorbei, bis uns ein Schild "Welcome in China"
anzeigt, dass wir uns auf chinesischem Boden befinden. Stiller Jubel, denn
die Atmosphäre ist steif und kühel. Geprägt von Militärdrill, Staubmasken
und LKW-Lärm. Völlig anders als auf der kirgisischen Seite.
Aus dem Passhäuschen winkt uns eine Hand herbei. Kaum liegt der Pass in
chinesischer Hand, brüllt uns aus dem Hinterhalt ein Beamter zusammen und
jagt uns wieder vor das Welcome-Schild.
"First Check Luggage, then Passport!!!" erklärt er uns und wir müssen alle
unsere Taschen öffnen ("You open - I see!!"). Jedes Ausrüstungsteil muss
erklärt werden. Mehrfach weht der Wind unsere Papiere weg, was dem Beamten
völlig egal ist.
Danach geht es zum 2. chinesischem Grenzposten. Schnell drücken wir unsere
Räder über die rutschige Treppe ins Innere des Gebäudes, füllen die
Imigrationskarte aus, lassen Fieber messen und unser Gepäck durchleuchten,
nochmal Reisepass kontrollieren...
Als ich meine Taschen wieder aufs Rad montiere, stelle ich zu meiner
Überraschung fest, dass ich alleine bin. Wo ist Noel? Seine erste
Fiebermessung war positiv, die Zweitmessung dann OK. Es gab etwas
Diskussion, weshalb es bei ihm etwas länger gedauert hat.
Dann werden wir - schnell schnell schnell! - aus dem Gebäude gewunken. Der
Magen der Beamten knurrt und wir sind - pünklich vor der Mittagspause -
wirklich echt in China! Direkt nach uns werden die Tueren der Grenze
verschlossen.
Die Freude ist gross und wir feiern unsere reibungslose Einreise ins neue
Land mit einem grossen Teller Lagman direkt im Grenzort Sumhana. Diesmal
nicht still, sondern mit echt authentischem Geschmatze und anderen
chinesischen Tischlauten
(http://www.flickr.com/photos/christian-trabold/tags/irkeshtam/)
Fazit: Der beste Lagman bis jetzt! Voellig neue Geschmacksknospen werden
stimuliert. Ich freue mich auf die neue Kueche, obwohl die Speißekarte voll
mit unbekannten Zeichen ist. Keine englische Übersetzung, nichts!
Erfreulicherweise gibt es neben dem Restaurant auch ein paar Lebensmittel
zu kaufen. Mit Händen und Füßen ersteigern wir Obst, Gemüse und Wasser für
die Weiterfahrt. Der Verkäufer lacht und schenkt uns eine Ziebel und eine
Melone für die Weiterfahrt. Danke!
Der Wechsel ins neue Land ist massiv: braune Berge, perfekte Straßen, neue
Schrift und kein russisch mehr. Die Schilder sind zwar weiterhin
zweisprachig: vorher kyrillische und lateinische Schrift, diesmal arabische
und chinesische Schrift.
Kenntnisse sind in keiner dieser Sprachen vorhanden. Also erstmal null
Orientierung und eine gewisse Unsicherheit. Zum Glück geht die Straße immer
schnurrgerade aus Richtung Ulugqat, so dass wir die Schilder erstmal
ignorieren können. Dennoch ein interessantes Gefühl.
Mit über 75 Sachen heizen wir durch die neue, lehm-braune Landschaft. Es
geht auf und ab. Vor der Dunkelheit steht das Zelt hinter Sandhaufen am
Straßenrand. Wenige Meter weiter brummen die LKW vorbei. Die erste
Nacht in China ist daher recht laut.
(http://www.flickr.com/photos/christian-trabold/4019111566)
Als wir das erste Dorf erreichen bin ich besonders gespannt auf die
Menschen. Wie reagieren sie auf die seltsamen Menschen auf Rädern?
Es ist erstaunlich: Mit dem Grenzuebergang scheinen sich auch die Menschen
verändert zu haben. Es gibt kein wildes Gekreische mehr, kein
unfreundliches "Hey Tourist! Tourist!". Statt dessen freundliches Lächeln
und leises Winken. Toll! Danke!
Die weitere Strecke ist geprägt von interessanten Felsstrukturen,
Lehmhütten, Kamelen und dem Roten Fluss. Der Rückenwind ist stark und wir
fegen gemeinsam mit Höchstgeschwindigkeit die Berge runter Richtung Kashgar
(http://www.flickr.com/photos/christian-trabold/tags/ulugqat/).
Vor Kashgar wird die Straße eine echte Autobahn
(http://www.flickr.com/photos/christian-trabold/4019131094/). Der Verkehr
wird durch die zahlreichen Kontrollpunkte schön ausgedünnt, so dass wir die
Fahrbahn fast für uns alleine haben. Das Fahren macht richtig Spaß. So viel
Platz!
In Kashgar-Stadt gibt es leider mehrere brenzlige Situationen mit
Mofafahrern. Die meisten Mofas haben Hybrid-Motoren und fahren in der Stadt
mit dem Elektroantrieb. Nur am Berg knöttern sie los. Gepaart mit der (für
uns) äußerst rücksichtslosen Fahrweise ist das ein echter Schock und
verdammt ungewohnt und damit gefährlich.
Ich wünsche mit ein extra-lautes Hup-Horn, kann aber nirgends eins finden.
Ja, die Großstadt überfordert uns (Einheimische werden darüber
schmunzeln). Erste Versuche, Einheimische zwecks Orientierungshilfe zu Rate
zu ziehen, scheitern völlig. Sie verschlimmer die Orientierungslosigkeit
noch mehr.
Wir folgen unserem Gefühl und finden auch kurz darauf einen Buchladen, in
dem ich eine Karte kaufe und Ron wieder treffe. Wir hatten uns in Bischkek
getroffen. Außerdem hatte Noel ihn in Georgien kennen gelernt.
Ron führt uns in sein Hotel. Beim anschließenden Festessen feiern wir
unsere Ankunft und das Wiedersehen.
Am nächsten Tag wechseln wir in das günstigere YouthHostel am anderen Ende
der Stadt, wo wir eine gute Woche verbringen wollen, bevor es in die große
weite Wüste geht.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen