Meinen Bericht aus Japan wollte ich mit lustigen und makaberen Anekdoten schmücken.
Wie toll dort die TYPO3 Usergroup ist, wie aufregend mein Miffy-Talk vor den knapp 20 japanischen TYPO3 Headz war. Wie sehr ich Soba-Nudeln lieben gelernt habe. Wie sanft der Aufenthalt war und wie doof der Rückflug. Mit welch ungutem Gefühl ich abgehoben bin und dass der Flugbegleiter mir kurze Zeit später heißen Kaffee über mein TYPO3 Reverend Neverend T-Shirt gekippt hat, um dieses Gefühl im wahrsten Sinne brühend heiß auszumalen. Dass kurz vorm Nordpol im hinteren Flugteil jemand im Sterben lag und das Flugzeug plötzlich mehr einem fliegenden Spital glich als dem super-modernen A-380-800.
Kurz: es war das genaue Gegenteil vom Hinflug. Einerseits heilfroh, endlich gelandet zu sein und dennoch sofort wieder zurück zu wollen.
In der Nacht vom 11. März schwärme ich einem guten Freund in San Francisco von den tollen Erfahrungen vor:
Der Ausflug nach Nagano. Kapselhotel. Scheue Blicken in der Ubahn Tokios; das "um die Wette schlürfen" mit den Businessmen in den kleinen Nudel-Restaurants. Der Abend mit dem lachende Meisterkoch in Kyoto - das alles, ohne auch nur ein Wort der jeweiligen Sprache zu verstehen.
In ein paar Tagen startet sein Flug nach Tokio und wir gehen gemeinsam die Eindrücke durch, die ihn erwarten werden. Naive Gedanken. Schöne Bilder. Tolle Erfahrungen. Wenige Minuten nachdem ich Skype schließe erhalte ich über Twitter die ersten Meldung über das Beben.
Seit mehr als drei Wochen versuche ich mich nun von diesen schönen, naiven Bildern abzulenken.
Ich habe respektvolle Ruhe im ganzen Land erfahren. Viel Würde. Und nun sehe ich Japan bluten - verzweifelt kämpfen. Ich befürchte, es wird nie wieder so sein, wie ich es erinnere. Das Gefühl ist so tief traurig, als wäre ein sehr guter Freund gestorben.
Endlichkeit. Schmerz beim Loslassen der Erinnerungen, des Vergangenen. Bei der Suche nach der "positiven" Seite.Ausmaß und Dauer der Unglücke sind momentan nicht fassbar - was kann ich tun, außer Kraft und gute Energie zu senden? Was kann ich tun, um wenigstens etwas von der guten Energie zurückzugeben, die ich in den "nur" 10 Tage dort erhalten habe. Spenden. An das Gute glauben. Weiter hoffen. Und aktiv werden.
So sende ich all meine Hoffnung und Glauben in dieses starke Land und hoffe auf möglichst schnelle Wiederherstellung der Schutzmaßnahmen und wenig Leid für die Helfer am Werk. Auf dass die guten Neuigkeiten und Entwarnungen echt sind und die schlechten Meinungen über die Lage irgendwann als unnötige Schwarzmalerei gelten. Und dass wir endlich wieder erkennen, dass wir in einem Ökosystem leben, das uns noch toleriert, das wir ehren und umarmen sollten, anstatt es zu unterdrücken, zu vergiften und auszubeuten.
In Gedanken ganz dort
Christian
Bilder:
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